Weil ich ein Mädchen bin

Mädchen* lernen früh, zu funktionieren. Andere vorzureihen, spüren was jede*r im Raum braucht. Laut sein / Präsenz zeigen? Just don’t do it. Feminin geht anders.

Ich war oiwei zu laut. Zu sichtbar. Bin es noch. Unterbreche andere in Meetings, weil eine große Idee aus mir raus muss. Nervt. Vor allem andere (dazu später). 

Diese seltsam auffällige Frau*. Da weiß eine wohl nicht, was sich gehört!? Hat zeitweise dazu geführt, dass ich meine eigene Weiblichkeit in Frage gestellt hab. Sozialisierungen sind mächtig!

Zum Glück durfte ich auch lernen: Laut sein und sich nix scheißen ist weder „unweiblich“ noch sonstwie unangebracht. Es kann was voi Gutes sein – wenn ma des passende Umfeld hat – und öffnet mitunter wertvolle Türen.

Frauen* nehmen im Alltag viele Rollen ein und erfüllen Erwartungen. Dabei haben sie selten Raum, oafoch sie selbst zu sein. Zwischen Job, Familie, gesellschaftlichen Verpflichtungen bleibt wenig Zeit, sich zu spüren, frei zu atmen, laut zu sein.

Too much labour

Melanie leitet ein mittelständisches Familienunternehmen. Ihr Alltag ist geprägt von Verantwortung: Entscheidungen, Meetings, Mitarbeiter*innen, Kund*innen. Zuhause trägt sie die gesamte Haus- und Care-Arbeit. Sie lebt in einem System, das viel von ihr fordert. Ihr Tanz ist ein bewusster Moment, in dem sie abschalten kann und sich frei macht von Leistungsdruck und Perfektion.

Jana ist Lehrerin mit Herz und Seele. Sie arbeitet leidenschaftlich an der Zukunft unserer Kinder. Ihr Alltag fordert Planung, Engagement und Geduld (und bringt sicher auch viel Überreizung mit sich). Wenn sie tanzt, sieht sie im Spiegel eine Frau, die nicht für andere zuständig ist, sondern sinnlich die Hüften schwingt. Diese Zeit gehört ihr allein.

Yazmin hat nach einem Schicksalsschlag gelernt, wie wichtig Stabilität und Community sind. Bewegung ist ihr Fixpunkt, der ihr Halt gibt und ihre mentale Gesundheit stärkt. Sie besucht so viele meiner Stunden, wie sie kann.

Samira hat ein kleines Kind, arbeitet Teilzeit und jongliert Stillen, Krabbelstube, Job, Familie. Kommentare und Erwartungen zu ihrem Körper, ihren Qualitäten als Mutter, Partnerin, Tochter und Angestellte prägen den Alltag. Zumindest einmal in der Woche genießt sie sich selbst in Ruhe und Freiheit.

Now I’m stronger than yesterday

In meinen Kursen finden Frauen* aus den unterschiedlichsten Lebenswelten, Kulturen und mit ganz verschiedenen Körpern ihren Platz. Und dann im Tanz, da sind wir gleich. Hier zählt nicht, wie schnell du checkst, was ich vorzeige, oder wie du aussiehst. Mir ist wurscht, ob du einen Kollagen-GreenSmoothie im Stanleycup mithast oder RedBull g’spritzt im Tupper-Krug. Wichtig ist, dass du da bist. 

Was all diese Frauen* verbindet, ist ned nur das gemeinsame Tanzen und die netten Gespräche in der Trinkpause. Es ist das Gefühl, wie sie aus der Stunde herausgehen. Sich g’spian. Wissend: Ich bin. Und ich kann.

Denn das, was im Tanzsaal passiert, wirkt weit über die 50 Minuten hinaus. Es ist Stärkung für den Alltag. Hier geht’s nicht um bestest Box-Steps oder sexiest Salsa-Shimmies. Du bewegst dich selbstbestimmt, schüttelst raus, was du nicht (mehr) tragen willst und erinnerst dich an deine eigene Kraft.

Tanz als Female Empowerment funktioniert, wenn er inklusiv ist. Wenn wir voneinander lernen und uns gegenseitig tragen.

Do the D.A.N.C.E.

Tanz ist ein uraltes, universelles Ausdrucksmittel der Menschheit. Er ist Sprache, Ritual, Community, Widerstand. Über Jahrtausende haben Menschen durch Tanz Geschichten erzählt, Gemeinschaft gestärkt und sich gegen Unterdrückung gewehrt. Ein Raum der Freiheit für Frauen* und alle, die sich selbst bestärken wollten, lange bevor das Patriarchat uns einredete, wir müssten uns führen lassen.

Tanz war und ist ein Mittel, um Identität zu formen, Körper und Geist zu verbinden und gesellschaftliche Normen herauszufordern.

Diese kulturelle Ressource ist unbesiegbar. Sie lebt in jeder Bewegung, in jedem gemeinsamen Handclap, in jedem Booty Shake.

Baby, I was born this Way

Ich hab immer getanzt, kreiert, neue Ideen eingebracht – und das wurde gefeiert. Solang ich es gesellschaftlich anerkannt gemacht hab. Quasi: Sei einzigartig, aber bitte nicht ZU anders. Die typischen unausgesprochenen Erwartungen, die wir als Mädchen* zu spüren bekommen. Aber ich hab sehr früh entschieden, dass ich nicht mitspielen will in diesen erfundenen Machtstrukturen, die Frauen* und Kinder kleinhalten. (Meine Eltern hassten diesen Trick.) 

Seit einigen Monaten liegt in meiner Schublade (kein Plan, in welcher) nun eine ADHS-Diagnose. Ich hab’s also jetzt schwarz auf weiß, warum manches für mich oiwei ein No Go war – also „on Top“ zum eh schon weiblich sozialisiert sein.

Dass ich anders war, musste ich nie erklären. Man merkt es umgehend. Und dennoch tat’s mir gut, zu erfahren, dass nicht immer meine „wilde Persönlichkeit“ verantwortlich ist, wenn ich wem zu viel bin. Meine Mama hat bald geahnt, dass ich meinen eigenen Weg gehen würd. Glücklicherweise hab ich mich mit Ende 30 selbst auch wieder dran erinnert.

Heute bin ich bestärkt in meiner Unangepasstheit: Laut, direkt und schamlos.

 

Ich weiß, dass nicht alle Frauen* so „leicht“ aus Machtstrukturen ausbrechen können wie ich. Manche leben in Familien, Kulturen oder Lebenssituationen, in denen Veränderung schwer und komplex ist, und manche spüren diesen Need vielleicht auch nicht so wie ich.

Daher ist mir wichtig zu betonen: Hier darf jede* in ihrem eigenen Tempo loslassen, lachen, tanzen und Kraft schöpfen – ganz ohne Druck. Kleine Momente der Selbstermächtigung sind so so viel wert.

Und das ist ja das Geniale: Gemeinsam entsteht aus all diesen verschiedenen Backgrounds eine Energie, die trägt, verbindet und Platz lässt für jede Geschichte. Ich halte diesen Raum gerne für alle, die ihn brauchen. Das ist meine Verantwortung, die ich mit Leichtigkeit und Leidenschaft trage.

Who run the World? (Girls)

Ich weiß, dass ich richtig liege, wenn ich sage: Die Welt braucht keine Sauerteigbrotbackenden Skinny Superhousewives, die sich kleinmachen, damit andere sich wohl fühlen.

Sie braucht laute, selbstbestimmte Frauen, die den Raum einnehmen, der ihnen zusteht.

Am besten hören wir jetzt auf damit, zu tun, als wär diese eine Stunde in der Woche eine bloße Auszeit von einem fremdbestimmten Leben, das uns zuviel abverlangt. Tanz war und ist ein Akt der Rebellion gegen das Bild der stillen, fügsamen Frau. Wenn wir uns selbst spüren und zeigen wollen, kreieren wir damit letzten Endes womöglich gemeinsam das Leben, das uns zusteht. Das fänd ich richtig gut.

„Wir wissen, was schiefläuft. ändern wir es.

Barbara Blaha

Beitragsbild: © Ruben Mavarez via unsplash.com

GIFs: giphy.com

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